Über vage und konkrete Sorgen

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📈Ein Graf, der nach oben zeigt 

– das kann doch nur etwas Gutes bedeuten? Leider nein. Letzte Woche hat das Schulministerium NRW die Einstellungschancen für angehende LehrerInnen veröffentlicht. Für das Gymnasium mit meinen Fächern sieht das Verhältnis Stellen/Bewerber leider nicht so rosig aus. Zwar kann man die Aussagekraft solcher Prognosen durchaus hinterfragen. Ganz von der Hand zu weisen sind sie jedoch nicht, stützen sie sich doch auf konkrete Geburten- und Studierendenzahlen.

Wie geht man, wie gehe ich mit solchen eher ernüchternden Zahlen um? Nun, ein Motivationsschub für mein Referendariat sind sie sicherlich nicht, es sei denn man entwickelt eine „Jetzt erst recht“-Haltung – aber die man muss man erstmal haben… Ich wünschte, ich könnte jetzt bezeugen, wie mein Gottvertrauen mir hilft, Zuversicht und Hoffnung zu bewahren. Aber ganz so einfach ist es nicht.

😱Vage und konkrete Sorgen

Oftmals sind sowohl meine Sorgen als auch mein Vertrauen vage und abstrakt. „Irgendwas“ könnte einem passieren, „irgendwie“ wird es aber schon gut werden. In christlichen Liedern drücken wir aus, dass wir trotz nicht näher definierter Sorgen, Ängsten und Kämpfen („struggles“) Gott folgen, „was auch immer kommt“. Meist bleibt es jedoch so unkonkret, dass man recht problem- und sorglos mitsingen kann, wie dieses Satire-Video schön aufzeigt.

So ein Dokument des Schulministeriums, mit nackten Zahlen, Jahresdaten, Grafen – wirkt dagegen so konkret, unverblümt und unumwunden. Ähnlich wie andere konkrete Anlässe zur Sorge – ein Schmerz, eine Diagnose vom Arzt oder eine anstehende große Veränderung. Nicht hinwegzureden. Die netten christlichen Lieder können in einem schnell verstummen. Stattdessen Realitätscheck: Face it, bro.

🤔Was tun?

e8da22c7-ba73-4442-b045-865c2e86e451„Immer weiter, immer weiter“, würde mein altes Torwart-Idol Olli Kahn jetzt sagen. Letztendlich bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen, zu unterrichten, sein Bestes zu geben und zu vertrauen, dass Gott schon einen Weg bahnen wird. Ein Blick in die Vergangenheit kann helfen. Irgendwie wurde ich doch immer wieder an die richtigen Orte und zu den richtigen Menschen geschickt, sowohl beruflich als auch privat. Ich kann mir beispielsweise aktuell keinen schöneren Lebensort als Münster vorstellen und bin froh, die letzten Jahre hier verbracht zu haben. Auch für die (manchmal zufällig zustandegekommenen) Kontakte bin ich sehr dankbar. Zwar könnte es auch bald weniger schöne Zeiten geben, aber irgendwie wird es schon weitergehen. Let’s hope for the best. Again and again.

🌍Internationale Perspektive

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Einige meiner nigerianischen Uni-Freunde haben trotz feierlicher Abschlüsse bis heute zu kämpfen.

Gleichzeitig sensibilisieren mich persönliche berufliche Sorgen für millionen- (wenn nicht gar milliarden-) fache Zukunftsängste weltweit. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa. Meine Freunde und Bekannte in Nigeria, von denen viele trotz Abschluss bis heute keinen richtigen Job haben. Wie muss es sich anfühlen, wenn man mit großer Ungewissheit und Perspektivlosigkeit studiert oder seinen Abschluss macht? Karitative Werke zielen oft nur auf Kinder ab (z.B. Sponsoring-Programme), junge Erwachsene finden dagegen meist wenig Beachtung. Ihre Sorgen erscheinen mir viel existentieller und begründeter als die Gedanken, die ich oben ausgeführt habe. Statistiken aus Ländern wie Nigeria wirken für Betroffene um ein vielfaches bedrohlicher.

In meinem Umfeld wird es als relativ selbstverständlich hingenommen, dass jede/r irgendwie an Stellen und Jobs kommt. Die immer noch recht gut laufende Wirtschaft in Deutschland sorgt für beruflichen Optimismus bei den meisten meiner Mitmenschen (Studis/Azubis unter 30). Wie würde unser Gottvertrauen und unsere Lebensfreude aussehen, wenn wir die Aussicht hätten, nur mit viel Ausdauer, „Glück“ und großem Kraftaufwand an meist schlecht-bezahlte Jobs zu kommen? Wie unabhängig von Umständen ist meine Zuversicht tatsächlich? Fragen, die für die Meisten von uns hypothetisch bleiben. Mögen sie uns dennoch dazu anregen, einerseits die Substanz unserer Glaubenspraxis zu überprüfen und andererseits Empathie und Sensibilität für Menschen in beruflich schwierigen Situationen – hier und weltweit – zu entwickeln.

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