Mein Leben mit Mitbewohnern ­čĆí

Heute hat meine Mitbewohnerin Alina Geburtstag. Alina ist eine tolle Mitbewohnerin. Aus diesem Anlass heraus m├Âchte ich ein wenig ausf├╝hren, warum es so bereichernd und sch├Ân ist, tolle Mitbewohner/innen wie Alina zu haben. Da Alina so viel Aufmerksamkeit und gro├če Worte um sich wahrscheinlich gar nicht mag, lass ich bei meiner Reflexion auch noch Erfahrungen aus vergangenen Jahren einflie├čenÔÇŽ

Ich habe noch noch nie alleine gewohnt. Seit Verlassen meines Heimatnestes habe ich etwa f├╝nf Jahre in einem katholischen Wohnheim, ca. 4 Jahre in diversen WGs im In- und Ausland und auch mehrere Monate in Familien gewohnt. WG-Horror-Stories gibt es genug, hier einige Vorz├╝ge gemeinschaftlichen Lebens:

­čÄë1.) Leben in der Bude

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Ein Hauskreis-Treffen in meiner ersten M├╝nsteraner WG ­čÖé

Manchmal waren meine Mitbewohner unterwegs und ich war alleine. Oft freute ich mich am Anfang ├╝ber die Ruhe, die ich sicherlich zum Lernen oder zur Kontemplation nutzen w├╝rde. Doch nach kurzer Zeit merkte ich, dass dieses ÔÇ×KlosterlebenÔÇť nichts f├╝r mich ist und dass ich am Leben mit Mitbewohnern so sehr die Lebhaftigkeit sch├Ątze: Hier mal ein Kaffeegespr├Ąch, da ein gemeinsames Fr├╝hst├╝ck, gelegentlich ein WG-Abend oder ein gemeinsames Grillen.
Mit dabei: Dampf ablassen ├╝ber Uni oder Schule. Frustrationsabgleich ├╝ber die eigene Prokrastination. Eine Diskussion ├╝ber den neusten Trump-Skandal. Neckerein ├╝ber sehr lang klingelnde Wecker (sorry Alina ÔĆ░­čśä). Austausch ├╝ber Wochenendpl├Ąne. Zus├Ątzliches Leben kam auch oft durch die Freunde meiner Mitbewohner rein ÔÇô andere SMDler, Hauskreis, Studienkollegen, DatesÔÇŽ So wird es selten langweilig. Selbst wenn alle gerade besch├Ąftigt in ihren Zimmern sind, ist es ein sch├Ânes Gef├╝hl zu wissen, dass jemand in der N├Ąhe ist.

 

 

­čąŚ2.) Interessante Lebenskonzepte

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Mein altes wunderbares Wohnheim, the best in MS┬áÔŁĄ´ŞĆ

Gerade wenn man in einem Wohnheim wohnt, trifft man Menschen, die man normalerweise nicht n├Ąher kennenlernen w├╝rde. Oftmals lernt man sich in einer WG beil├Ąufig in der K├╝che kennen, ohne Zwang zu l├Ąngeren Gespr├Ąchen, aber auch ohne Vorbehalte gegen diese. Wer ein wenig Interesse zeigt, lernt die Lebens- und Denkweise von Menschen kennen, die einem vorher eher fremd waren. Ich denke da zum Beispiel an Justus, einem pfiffigen linksgr├╝nen atheistischen veganen Politikstudenten, der mit gro├čem Idealismus auf unseren Flur zog und diesen auch behielt. Auch wenn ich mich selbst politisch etwas konservativer einordnen w├╝rde, waren die Gespr├Ąche mit ihm stets intellektuell anregend, weil er viel las, nachdachte (das war f├╝r sogar eines seiner Lieblingst├Ątigkeiten, das Nachdenken) und interessante Perspektiven mitbrachte. W├Ąhrend er seine K├╝rbissuppe und ich meine Pizza a├č, konnten wir so ├╝ber- und vielleicht auch etwas voneinander lernen.

Da war auch noch ein katholischer Theologe, mit dem ich spazieren ging und mich viel ├╝ber die rechte Lehre und verschiedene Glaubenspraktiken austauschte. Oder der tamilische Mediziner, mit dem ich ein albernes ÔÇ×MusikvideoÔÇť aufgenommen habe. Oder der m├Ąnnliche Grundschullehrer, der nicht so gerne mit Frauen sprach, aber trotzdem schneller als ich heiratete. Oder der nigerianische Priester, der mich von dem Wert von k├Ârperlicher Z├╝chtigung ├╝berzeugen wollte. Oder der russlanddeutsche Familienvater, der einen herrlich selbst-ironischen Humor hat. Oder oder oderÔÇŽ

Dabei will ich nicht verhehlen, dass ich selbst f├╝r Andere auch manchmal ein Exot war. Im Wohnheim verwunderte man sich, warum ich manchmal morgens auf dem Balkon Bibel las (ÔÇ×F├╝rs Studium?ÔÇť), wie ich das alles mit den Frauen so handhabe oder wie jemand ausschlie├člich Ja-Produkte im K├╝hlschrank haben kann; woanders erstaunte man sich ├╝ber mein Singen unter der Dusche u.v.m..

­čŹĽ3.) Sharing is caring

Ich muss gestehen: Was praktische Hilfe und Essensaustausch angeht, so habe ich doch deutlich mehr von meinen Mitbewohner/innen profitiert als sie von mir. Oftmals gaben sie mir Essensreste vom Kochen (danke Alina!) oder vom Caf├ę (danke Lukas!), manchmal aus Solidarit├Ąt, vielleicht auch aus Mitleid. Rechte Kr├Ąfte w├╝rden mich wohl als ÔÇ×SozialschmarotzerÔÇť bezeichnen, so viel habe ich ├╝ber die Jahre von Anderen ohne nennenswerte Gegenleistung erhalten. Zumindest kann ich gelegentlich mit technischen Skills, einem funktionierenden Drucker, meinem Werkzeugkoffer (ja, tats├Ąchlich!) oder mit einem offenen Ohr (ihr seht schon, mir geht die Luft aus) zur Seite stehen.

Gerechter Ausgleich hin- oder her, es ist prinzipiell und auch praktisch echt sch├Ân und hilfreich, wenn man sich gegenseitig mit Essen, Essenszutaten, einem Schraubenzieher, einem Haust├╝rschl├╝ssel, einem Leihrad oder was auch immer recht unkompliziert aushelfen kann. ­čÖé

­čĄŁ4.) F├╝reinander da sein

Das Leben ist nicht immer Fr├╝hling. Mittlerweile habe ich mehrfach miterlebt, wie es ehemaligen Mitbewohnern nicht gut ging. Mal waren es Zweifel am Studium (Abbruch ja/nein?), mal eine versemmelte Pr├╝fung, mal pers├Ânliche ├ängste. Mitbewohner k├Ânnen und sollen so etwas nicht wirklich auffangen, aber manchmal tun sie es doch, ohne es direkt zu beabsichtigen. Nicht unbedingt durch therapeutische Gespr├Ąche, aber durch das blo├če ÔÇ×Da-SeinÔÇť. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in meinem ersten Studienjahr mit meinem BWL-Studium nicht zurechtkam und wie sehr mich im Studiengang sehr unwohl f├╝hlte. Ich w├╝sste nicht, wie ich ohne meine liebe WG mit dieser schwierigen Situation, mein erstes richtiges und offensichtliches ÔÇ×ScheiternÔÇť, umgegangen w├Ąre. Ein Alleinsein zu Hause h├Ątte sicherlich zu noch mehr Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit gef├╝hrtÔÇŽ

­čĺ¬5.) Motivation

Zu sehen, wie andere ihren Alltag gestalten und ihr Leben leben, kann motivierend und inspirierend f├╝r die eigene Lebensgestaltung sein.

Kommen wir zu unserem heutigen Geburtstagskind zur├╝ck, so bewundere ich, wie sie es schafft, f├╝r so viele verschiedene Menschen da zu sein, so oft ├ťbernachtungsbesuch aufzunehmen (auch spontan) und nebenbei noch f├╝r drei F├Ącher (darunter Mathe! ­čś▒) bis teils tief in die Nacht zu lernen. Manchmal treibt mich das an, selber ein bisschen mehr zu geben.

Teilweise hat mich auch die Ern├Ąhrungsweise oder der Sinn f├╝r Ordnung meiner aktuellen und vorherigen Mitbewohner herausgefordert, wenn sich auch zugegeben diese Herausforderungen nicht oft in konkrete Verhaltens├Ąnderungen verwandelt haben, aber diese Problematik ist Stoff f├╝r einen sp├Ąteren Artikel….

Letztendlich hat mich mein Leben mit Mitbewohnern auch f├╝r mein zuk├╝nftiges Eheleben motiviert. Ich m├Âchte auch sp├Ąter ein offenes Haus mit viel Aus- und Eingang und gegenseitiger Unterst├╝tzung bieten bzw. sein. Zum Gl├╝ck teilt Luise diese Vision ­čÖé Ein bisschen wehm├╝tig bin ich aber dennoch, n├Ąchstes Jahr mit der Hochzeit mein WG-Leben ad acta zu leben. Nie mehr so viele verschiedene Menschen um einen herum? Ich tr├Ąume immer noch von Ideen wie ÔÇ×shared living/housingÔÇť, christlichen Wohnkommunen oder ├Ąhnlichen. Jemand dabei? ­čÖé

Alles Gute & Gottes Segen, Alina und liebe Gr├╝├če auch an alle anderen vergangenen und gegenw├Ąrtigen tollen Mitbewohner. Ôś║´ŞĆ

euer Sebastian

PS: Als kleiner am├╝santer Ausklang hier ein wenig Albernheit beim WG-Fr├╝hst├╝ckstisch ­čÄ­čśä

2 Kommentare zu „Mein Leben mit Mitbewohnern ­čĆí

    1. Fola! Nice to hear from you Ôś║´ŞĆ Yes, you are right! You definitely need to have cooperative and kind people for these things to happen. However, one should not give up too easily – I’ve realized that sometimes it helps when you show initiative ÔÇô e.g. starting conversations, offering food/help etc. ÔÇô, then others warm up, too. You don’t need people who are exactly on the same ÔÇťwavelengthÔÇŁ before you can have a nice communal life at home.
      Thanks for your comment and see you soon ­čÖé

      Gef├Ąllt mir

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